Der Große Dealmaker
- metuw7
- 23. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Vermutlich weiß es der USamerikanische Präsident nicht, aber er hat ein veritables biblisches Vorbild was das Dealmaking betrifft. Doch wahrscheinlich würde er sich nicht sehr darüber freuen. Denn gut ging es nicht aus für jenen Dealmaker, von dem im Neuen Testament die Rede ist.
Simon der Große
In der Apostelgeschichte wird eine absonderliche Episode erzählt. Einer der Jünger Jesu, Philippus kam in die Stadt Sebaste in der Provinz Samarien. Dort verbreite er die neue Botschaft von Jesus, dem auferstandenen Messias. Davon hörte auch ein Mann mit Namen Simon. Er war eine bedeutende Persönlichkeit, ein Großer im Lande, weshalb er sich dieser Würde bewusst, gleich selbst "Simon der Große" nannte.
Diese Größe indes wurde von der Bevölkerung zwiespältig aufgenommen. Für die einen war er mit göttlicher Macht begabt. Für die anderen ein Zauberer, der nur für Verwirrung sorgte. Jedenfalls hatte Simon Magus, so der Name, mit dem er in die Geschichte einging, auf die eine wie die andere Weise erhebliche Wirkung auf die Leute.
Simon der Dealmaker
Wie alle Menschen, die sich ihrer Macht bewusst und nach deren Erhalt streben, beobachtete Simon die Lage genau. Die neue Botschaft von Jesus Christus zog in Samarien immer mehr Menschen an. Als der Apostel Petrus die Mission in Samaria zur Chefsache machte und persönlich nach Sebaste kam, entwickelte sie sich zu einer regelrechten Erweckungswelle. Simon ließ sich von ihr mitnehmen. Allerdings auf jene Weise, an der man den gewieften Dealmaker erkennt. Er schlug dem CEO der Urchristenheit ein Geschäft vor, von dem alle profitieren würden: Gegen eine überzeugend hohe Summe wollte er von Petrus den Heiligen Geist kaufen und den christlichen Glauben im Gegenzug in der Provinz protegieren.
Den Heiligen Geist kaufen - dagegen nimmt sich der Grönland-Purchase bescheiden aus. Allerdings entwickelte sich der Handel ähnlich wie im Falle des eisigen Eilandes nicht im Sinne des Käufers. Im Gegenteil! Der Apostel Petrus reagierte weitaus deutlicher auf die Offerte des Simon als die düpierten Dänen: "Zur Hölle mit dir und deinem Geld!" (Apostelgeschichte 8, 20)
Eine merkwürdige Erfolgsstory
Es ist interessant, warum Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte ausgerechnet diese Begebenheit tradiert. Vom Standpunkt der Geschichtswissenschaft beschreibt er den Weg der jungen, christlichen Glaubensbewegung von Jerusalem nach Norden. Philippus geriet in Jerusalem in Bedrängnis, wich ins nördliche Samarien aus und setzte seine Mission dort erfolgreich fort.
Theologisch bemerkenswert ist, dass der Evangelist keine geradlinige, göttliche Erfolgsstory abliefert, sondern er konfrontiert die Leserin/ den Hörer mit dieser bizarren Anekdote. Für die Darstellung des Erfolgs des frühen Christentums war diese Episode nämlich nicht notwendig.
Lukas folgt hier einer Tendenz, die sich in der gesamten Bibel findet. Brüche, Widersprüche, Schroffheiten werden nicht geglättet, sondern erhalten und überliefert. Die Frage lautet, was bezweckt Lukas damit. Vielleicht bringt ein Wechsel der Perspektive Aufschluss.
Meister des Dramas
Aus dem Blickwinkel des Erzählers ergeben sich über die rein geschichtliche Betrachtungsweise hinaus zwei weitere Möglichkeiten, warum Lukas ausgerechnet diese Geschichte überlieferte. Er gilt zwar als der Historiker unter den Evangelisten. Aber er war auch Autor, der seine Geschichte wirkungsvoll erzählen wollte. Mit der Simon-Episode setzt Lukas einen dramatischen Akzent. Er will keinen Bericht abliefern, sondern eine Geschichte erzählen. Durch solche dynamische Episoden wird die Apostelgeschichte spannend, anschaulich und - dies ist das Ziel - einprägsam. Man kann sie weitererzählen. Lukas setzt das Mittel des dramatischen Akzents durchgängig in der Apostelgeschichte ein: Hananias und Saphira, die Steinigung des Stephanus, das Erdbeben von Malta (Apostelgeschichte 16,23ff) oder die Bekehrung des Paulus. Das Sprichwort "vom Saulus zum Paulus" zeigt, wie meisterlich ihm das gelungen ist.
Ein biblischer Populist
Der zweite Gedanke, der sich vom Standpunkt des Erzählens aus nahelegt, ist, dass Lukas den Simon Magus nicht allein als dramatische Figur angelegt hat, sondern als "Typus". Das heißt als typischen Charakter, der für die christliche Bewegung relevant ist, weil sie es eben mit solchen Typen zu tun bekommt. Tatsächlich findet man in der Darstellung des Dealmakers aus Samarien drei Züge, die Populismus kennzeichnen:
Simon hat ein ausgeprägtes Gespür für Trends und Einflüsse.
Er reagiert auf die junge Jesusbewegung, indem er sich ihr anschließt, aber sie für seine persönliche Vorteile nutzt.
Simon ist überzeugt, dass seine Kategorien auch für alle anderen gelten. Er geht davon aus, dass die neue, ihm völlig unbekannte christliche Mission trotzdem denselben Spielregeln folgt, die er kennt und erwartet. Und zwar, dass alles käuflich und nur eine Frage des Deals ist.
Hier jedoch stößt er auf harschen Widerstand: "Zur Hölle mit dir und deinem Geld!", schnauzt ihn Petrus an. "Ich sehe ja: Du bist voller Neid und das Unrecht hat dich fest im Griff." Noch unmissverständlicher geht's eigentlich nicht. Damit hatte Simon der Große nun wirklich nicht gerechnet. Der heilige Zorn des Apostels veranlasst ihn etwas zu tun, was unter den Dealmakern bis heute einzigartig geblieben ist, er bat um Gebet und Vergebung (Apostelgeschichte 8,22-24).
Die gedämpfte Moral der Geschichte
Die Moral von der Geschichte: Dealmaker haben, selbst wenn sie sich mit ihr fotografieren lassen, kein Glück mit der Bibel.
Aber das ist nur ein Teil der Moral. Wenn der Evangelist den Simon Magus als Typus auftreten lässt, so gilt das umgekehrt auch für den Apostel. Petrus repräsentiert das idealtypische christliche Verhalten: Keine Kompromisse und keine Scheu vor der Wahrheit. Das nun vermag dem rechtschaffenen, frommen Gemüt einen Dämpfer zu versetzen. Denn Hand aufs Herz, wenn's handfest wird, tritt man denn doch lieber in die dritte Reihe zurück. Warum gegen einen Großen die Stimme erheben? Man ist ja schließlich kein Petrus. Oder dessen Stellvertreter.

Kommentare