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Der missratene Herrscher

  • metuw7
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Statue eines König in voller Rüstung, hält ein Schwert. Steht auf steinigem Boden, windiger Küstenhintergrund, düstere Stimmung.

Saul 

Der erste König Israels, Saul, war ein König zweiter Wahl. Das Alte Testament erzählt seine Geschichte als Tragödie, wie um zu bestätigen, dass er einen Platz einnahm, der ihm letztlich nicht zukam. 


Bundesrepublik Israel

Ursprünglich war Israel ein Volk der Übereinkunft. Die hebräischen Stämme, die das Gelobte Land besiedelten, bildeten einen Bund, in dessen Zentrum der gemeinsame Kult um den „Gott Israels“ stand. So überliefert es die Bibel. Diese Stämme trugen Namen, die als die Namen der Söhne Israels gedeutet wurden. Sie bildeten eine Art föderale Einheit, bei dem das Amt des Richters die zentrale Rolle einnahm. Die Israeliten waren ehemalige, halb sesshafte Nomaden, die im Lauf der Zeit zwischen die Städte und Völker Palästinas migrierten. Dies lockere Föderation empfanden sie jedoch als unzeitgemäß. Sie wünschten sich wie die Nachbarvölker ein Königtum mit Dynastie, Hof und allem was dazugehört. Religiös führte das allerdings in eine veritable Krise: Denn Gott galt als König und Herr, ebenso wie er auch Geber und  Eigentümer des Landes war und eben nicht wie anderswo irgendein Monarch. Von Anfang an waren Königtum und König zweite Wahl, weil dies als Abkehr vom orthodoxen Glauben verstanden wurde. 


Der letzte Orthodoxe 

Einer dieser  orthodoxen Glaubensvertreter war Samuel, der letzte Richter Israels. Er war nicht nur Richter, sondern auch Priester und Prophet, ein religiöser Allrounder mit Macht und Einfluss. Für ihn war der Wunsch seiner Volksgenossen Lästerung und persönlicher Affront in einem. Seine beiden Söhne und designierten Nachfolger zeichneten sich allerdings als so verantwortungslose  und inkompetente Amtsträger aus, dass ihm letztlich nichts anderes übrig blieb, als den  Wir-wollen-einen-König-Demonstrationen des Volks nachzugeben. Nach Absprache mit dem Allmächtigen marschiert er los, um den künftigen König ausfindig zu machen. 


Eselei

Und fand ihn in der schönen Gestalt des Saul, Sohn des Kisch, der gerade unterwegs war, um einen Esel zu suchen. Die biblischen Erzählerinnen und Erzähler neigen zur Zurückhaltung, wenn es um Ausschmückung und Details geht. Aber auf die schöne Statur des Saul und seine profane Mission weisen sie indes hin. Was wohl sagen will: da ist ein hübscher Knabe auf der Suche nach einem Esel und findet statt des ausgebüxten Tiers eine Krone. Nicht eben glorios. Aber sei‘s drum, die Israeliten waren zufrieden mit der Eselei. Anfänglich zeichnete der sich der hübsche Herrscher auch durch Tatkraft und Redlichkeit aus. Doch der Welt Abgründe sind schwarz und tief und Saul, Sohn des Kisch tappt in den tiefsten und schwärzesten von ihnen. Die folgenden Ereignisse gehören tatsächlich zu den düstersten des an düsteren Ereignissen nicht eben armen Alten Testaments. 


Gott ist nicht lieb

Die Nemesis des jungen Israels waren die Amalekiter. Der historische Hass auf das Feindesvolk ist so tief im Judentum verwurzelt, dass man noch heute sprichwörtlich auf Amalek verweist, um die vollständige Vernichtung eines Gegners zu fordern, aktuell Hamas und Hizbollah, alles Amalekiter. Der geschichtliche Hintergrund ist der folgende:  Auf Gottes Geheiß befahl Samuel dem Saul über Amalek den „Bann zu vollstrecken“, was nichts anderes war, als die Aufforderung des Allmächtigen zu einem Genozid.


Gott ist nicht lieb. Was auch immer man da als Erklärung anbringen möchte, keine historische, keine theologische Theorie ist hinreichend, um diesen Riss im Glaubensgewebe zu schließen. Wie die Wandlung des Genozidgott zum Vater Unser vollzogen hat, bleibt dunkel. Glaube ist auch ein Ort der Finsternis.

Saul siegte über die Amalekiter und ließ Mann, Frau, Kind, Vieh, alles ermorden, was ihm vors Schwert kam. Fast jedenfalls. Den König der Amalekiter und das beste Vieh lässt er übrig und verleibt es sich ein. Samuel ist außer sich vor Zorn. Er stellt den König zur Rede und Saul, wie jeder Politiker, der zur Rechenschaft gezogen wird, negiert, beschwichtigt, lügt. Aber es ist zu spät. „Wortbruch ist eine Sünde, Eigenmächtigkeit ist schlimm wie Götzendienst“, donnert ihm der Prophet entgegen. Heute mögen Wortbruch und Eigenmächtigkeit gängige politische Handlungsweisen bezeichnen, über die sich zu echauffieren der Mühe nicht lohnt. Aber für Saul bedeutete es das Ende: „Weil du das Wort Gottes verworfen hast, hat er dich verworfen. Du sollst nicht mehr der König sein.“ (1.Sam.15,23).


Macbeth der Bibel

Dieses Ende kam nicht abrupt. Neid, Tod und Wahnsinn suchen Saul heim, verzehren ihn langsam und quälend. Das Alte Testament erzählt in geradezu shakespearhafter Manier vom Niedergang des ersten Herrschers Israels. Ein dunkler Geist, heißt es in der Bibel, bemächtigte sich seiner (1.Sam.18,10) und nennt Tobsucht, Paranoia, Apathie und Depression als Symptome, was  - moderner gesprochen - auf eine veritable narzisstische Krise verweisen könnte. Saul reagiert mit Disruption. Er ist der König. Und er ist es nicht. Vor seinen Augen wird bereits sein Nachfolger aufgebaut, David, der Gesalbte. Dieser Zwiespalt wird Saul zerreißen. Ein biblischer Macbeth. Mit Schauder und Faszination zugleich wohnt man seinem Untergang bei. Denn hier sieht man, was man in der Realität nur selten sieht: wie Eigenmächtigkeit und Hybris vor aller Augen zu Fall kommen. 


Gottesdämmerung

Der Fall Sauls ist ein langsamer Zerfall. Am Ende sucht er ratlos angesichts der Kriegsmacht der Philister die Hilfe einer Nekromantin auf. Die Zaubererin soll den Geist des toten Samuel beschwören (1.Sam. 28). Das ist nicht nur schaurig, sondern für den frommen, jüdischen Geist schlimmste Blasphemie. Doch Saul befindet sich an einem Ort des Schicksals, wo es auf Blasphemie auch nicht mehr ankommt.

„Warum?“, klagt der Geist des Propheten, „lässt du mich nicht im Totenreich? Auch Israel lässt der Herr zusammen mit dir den Philistern in die Hände fallen. Schon morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir im Totenreich sein. Auch das Heer Israels lässt Gott den Philistern in die Hände fallen.« Eine Gottesdämmerung spricht der tote Samuel über den  König aus. Doch nicht nur über ihn, sondern auch über seine Söhne und das Volk. So geschieht’s. Am Tag darauf finden seine Söhne in der Schlacht den Tod; die Königslinie ist ausgelöscht. Das Heer wird aufgerieben, Saul stürzt sich ins Schwert.


Lehrstück 

Sauls Weg führt in den Abgrund. Jedoch nimmt das Alte Testament keine literarische Rache an ihm, der schlechten Wahl, dem missratenen Herrscher. Die Bibel erzählt, wie sich dieser Weg vollzieht. Alle Bestandteile des Abgrunds und des Scheiterns versammeln sich in Sauls Geschichte: die nationalistische Verstocktheit des Volkes, die Versuchung der Macht, eigenmächtig zu werden, die unheiligen Kompromissversuche, Gott ein paar religiöse Brocken hinzuwerfen und sich selbst das beste Stück einzuverleiben und schließlich der Irrglaube, mit dem Ganzen schadlos durchzukommen. Nationalismus, Korruptheit, Eigenmächtigkeit, Selbstgefälligkeit und eine egoverzogene Selbstwahrnehmung, all das sind Merkmale, die damals wie heute politische Persönlichkeit und politisches Handeln bestimmen. Sie führen in die Zerstörung. Das Schicksal Sauls ist ein 3000 Jahre altes Lehrstück, darum wurde seine Geschichte überliefert.

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