Die spirituelle Relativitätstheorie
- metuw7
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Sprachgrenze
Die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins hat unsere Sicht auf Raum und Zeit gänzlich verändert. Sie setzt physikalische Größen, Schwerkraft, Raum, Geschwindigkeit und Zeit, in Beziehung zueinander, die bis zu diesem Zeitpunkt als voneinander unabhängig galten.
Weniger bekannt, aber in ihrer Wirkung vergleichbar, ist die Sprach-Hypothese der beiden Linguisten Eduard Sapir und Benjamin Whorf. Auch sie setzt zwei Konstante in Beziehung, die man vorher als unabhängig voneinander betrachtete, nämlich Sprache und Wahrnehmung. Die Sapir-Whorf-Hypothese behauptet, dass die Sprache der Wahrnehmung Grenzen setzt. Das heißt, was in einer Sprache nicht ausgedrückt werden kann, wird nicht wahrgenommen, ist gleichsam undenkbar.
Die Gedanken sind doch nicht frei
Anders als die allgemeine Relativitätstheorie wurde die Sapir-Wolf-Hypothese vielfach kritisiert und bestritten. Doch die Grundthese, dass Sprache auf Wahrnehmung einwirkt, wie Gravitation auf Zeit einwirkt, macht einem bewusst, dass die Gedanken doch nicht so frei sind, wie wir's gerne hätten. Die Gedanken sind begrenzt und an Voraussetzungen gebunden, über die man sich ebenso wenig hinwegsetzen kann, wie über die Raum und Zeit krümmende Schwerkraft.
Die Sündenkugel
Zum Beispiel das Wort Sünde. Es bezeichnet in der christlichen Anthropologie, der christlichen Lehre vom Menschen den menschlichen Wesenskern. Wir sind verworfen. Unser Wesen wird bestimmt von der Sünde. Jesus ist für die menschliche Sündhaftigkeit am Kreuz gestorben und hat so die Menschen (sofern sie das glauben) von ihrer Verworfenheit befreit. Sünde ist damit nicht nur der Ausgangspunkt der christlichen Sicht vom Menschen, sondern auch das Zentrum der christlichen Soteriologie, der Lehre von der Rettung des Menschen durch den Tod Jesu. Sünde ist die stählerne Kugel auf dem elastischen Gewebe der spirituellen Relativitätstheorie.
Alle Jahre wieder
Alle Jahre wieder zur Osterzeit, wird die Bedeutsamkeit des Todes Jesu in Frage gestellt. Vor einigen Jahren nahm der evangelische Pfarrer Burkhard Müller die Gravitation der Sünde aus der theologischen Gleichung, als er kurz und bündig erklärte: "Jesus ist nicht gestorben, um uns von unseren Sünden zu befreien. Er ist gestorben, weil die Mächtigen ihn nicht leben lassen wollten." Damit entkernte er gleich zwei christliche Grundanschauungen. Während die einen sich am Kinn kratzten und sagten „Ist was dran“, verschlug‘s den anderen die Sprache und sie brachten kaum mehr als „Irrlehre“ und „Häresie“ hervor. Ohne Sünde und Sühnetod klappt das Christentum nämlich nicht. Müller hat diese Verbindung gekappt.
Am Abgrund
Indes wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Sünde sprechen. Was bedeutet Sünde? Pfarrer Müller geht davon aus, dass jedem der Begriff, klar ist. Aber stimmt das?
Hier kommen die Herren Sapir und Whorf ins Spiel. Das Wort „Sünde“ entstammt der germanischen Sprachfamilie. Es wird von allen germanischen Sprachen relativ gut erkennbar variiert und auch im Finnischen verwendet, das es als Lehnwort übernahm. Sin, Zonde, Sünde, syntti übersetzt die ursprünglichen Begriffe, die im Alten und Neuen Testament gebraucht werden. Das alttestamentarische Hebräisch verwendet eine Reihe von Begriffen, von denen einer, Chet', ein besondere Bedeutung hat. Chet' bedeutet „sein Ziel verfehlen“. Das griechische Wort Harmatia, das im Neuen Testament gebraucht wird, hat denselben Sinn: Fehler, Verfehlung, sein Ziel nicht finden.
Unser germanisches Wort Sünde aber hat diese Bedeutung nicht. Genaugenommen weiß man gar nicht, was Sünde eigentlich heißt. Manche Sprachwissenschaftler rücken Sünde in die Nähe des Wortes Scham. Manche erkennen eine Verwandtschaft zu dem altgermanischen Wort für wahr. Nicht zu vergessen die wortspielerische, illustrierende Deutung des Wortes Sünde als Sund bzw. Abgrund. Sie hat allerdings nichts mit der eigentliche Wortherkunft zu tun.
Kurzum, der Ursprung der Sünde ist dunkel und unklar und deshalb transportiert dieses Wort die biblische Bedeutung „sein Ziel verfehlen“ nicht. Einen eigenen Begriff dafür gibt es in unserer Sprache nicht. Worte wie „Fehler“ oder „Verfehlung“, die zumindest in die Nähe der biblischen Bedeutung rücken, können die tiefe existenzielle Wucht dessen, was gemeint ist, nicht rüberbringen.
Mit existenzielle Wucht
Und was bedeutet das für Sühnetod, Rettung und den ganze Rest? Es bedeutet, dass man nicht einfach hergehen kann und eine entscheidende Größe aus einer - in diesem Fall theologischen - Gleichung herausnimmt und ohne sie weiterrechnet. Es will ja etwas ausgedrückt werden, das vielleicht durch den Begriff Sünde nicht getroffen wird, aber trotzdem da ist.
Der hebräische bzw. griechische Begriff schlägt eine ganz andere Richtung ein. Eine, die wie ich finde, existenziell viel plausibler ist. Wenn sich jemand in seinem Leben fort von allen Sonnen bewegt und über diese dunkle Ziellosigkeit in Verzweiflung gerät, ist er - Nomen est Omen - kreuzunglücklich. Die Verzweiflung, die Jesus am Kreuz durchmacht, sein Sterben und die abgrundtiefe Todesstille danach, ist, so deute ich es, die, die ein Mensch erlebt, der sich in unüberbrückbarer Ferne zu sich selbst und zu Gott erfährt. Ironischerweise gibt die intuitive, wortmalerische Deutung Sund-Sünde dies am besten wieder und das ist vermutlich der Grund, warum sie sich überhaupt durchgesetzt hat.
Nicht nicht
Als Begründung seiner Behauptung gibt Müller an, dass sich der Sündentod nicht mit der Gottesliebe vereinbart; ein Vater, der sein Kind „für die Sünde der Welt“ zu Tode foltern lässt, ist schlicht undenkbar. Ist es auch. Doch - Sapir-Wolf! - weil etwas undenkbar ist, ist es nicht nicht.




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