top of page

Frau Finscher braucht Batterien

  • metuw7
  • vor 2 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Eine alte Frau, die sich die Hände vors Gesicht hält.

Frau Finscher

Frau Finscher ist klein, dünn, sehr alt und zu Tode betrübt. In ihrem Alter ist das durchaus keine Metapher. Jeder Schmerz geht einem da zu Herzen. Die Batterien des Radios sind nämlich leer.  Das Radio läuft den ganzen Tag in ihrem Zimmer, manchmal Tag und Nacht, wenn der Schlaf ausbleibt. Das Steckerkabel ist irgendwann verloren gegangen. Das Radio wird seitdem konsequent mit Batterien gefüttert. Jetzt ist das Futter ausgegangen; die Tochter vergaß,  rechtzeitig für Ersatz zu sorgen. In der quassellosen Stille des Zimmers wird sich Frau Finscher bewusst, dass sie sehr alt ist, aber nicht weiß, wofür. 


Die Kinder

Die Kinder, sie hat zwei, Junge und Mädchen, besuchen sie nicht und wenn, dann vergessen sie die Batterien. Sie weiß, dass ihre Kinder gut beschäftigt sind, weil sie selbst Kinder haben und die auch. Doch sie ist die Mutter. Die darf man nicht vergessen.


Die Männer

Männer spielten in ihrem Leben nur eine unheilvolle Rolle. Sie waren Gefährten ohne Liebe und Väter ohne Güte. Ihr eigener Vater war hart und arg wie ein Kieselsplitter. Früh von der Schule hat er sie genommen, damit sie Geld heimbringt, als wäre sie seit ihrer Geburt nur eine Kostgängerin, die jahrelang durchgefüttert wurde und jetzt abzahlen muss, was sie verbraucht hat. Dann hat sie geheiratet, aufgrund des wesentlichen Kriteriums, dass man das so macht. Der erste Mann hat immerhin gearbeitet und verdient, dass sie ein Auskommen hatte. Aber er hatte einen schlimmen Unfall, das war kurz nach der Geburt des Buben. Fort war er. Der zweite Mann war ein Trinker, hat den Lohn in die Kneipe getragen. Auch war er nicht gut zu den Kindern, nicht einmal zur Tochter, die seine eigene war. Mit Kindern können die Männer nichts anfangen und das Leben der Frauen brauchen sie auf. Deshalb müssen Frauen und Kinder auch zusammenhalten.


Frau Finscher braucht Batterien

Frau Finscher ist zu Tode betrübt. Nicht wegen der Batterien, sondern wegen der fehlenden Batterien. Was nennt sie schon ihr eigen? Nur das Radio, das aber stumm und nutzlos ist. Die Kinder dürfen die Batterien nicht vergessen, weil sie sonst die Mutter vergessen. Das widerspricht dem Zusammenhalt. Und wenn dieser Zusammenhalt nicht mehr da ist, dann hat sie sich umsonst aufbrauchen lassen. Dann ist jeder weitere Tag, den sie auf Erden zubringen muss, nur ein weiterer Tag, an dem sie immer mehr in Vergessenheit gerät. 

Deswegen müssen die Batterien her. Deswegen muss ihr elektrisches Haustier wieder Geräusche von sich geben. Sonst löst sich der Zusammenhalt auf. Dann hätten die Männer, der Vater und der Säufer, obwohl beide lange unter Stein, Gram und Groll begraben, sich selbst im Tod durchgesetzt. 


 
 
 
bottom of page