Herr Klampp ist nah am Wasser gebaut
- metuw7
- 1. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Muss!
Herr Klampp ist eigentlich nicht nah am Wasser gebaut. Das hat er sich früh abgewöhnen müssen. Er ist Jahrgang 41, Kriegskind, Mutti Trümmerfrau, dann Hausfrau, der Vater blieb im Krieg. Die Kriegskinder sind die Generation der zertrümmerten Familien. Darüber spricht er nicht.
Überhaupt spricht er nur wenig über sein Leben und wenn, noch am ehesten über sein Berufsleben. Er war bei Bosch. Das waren sie hierzulande irgendwie alle, haben alle bei irgendeinem Technik-Marktführer geschafft. Die Arbeit war ihm wichtig, dass er sie zuverlässig, gründlich und gewissenhaft tat. Wie die Deutsche Bahn als sie fuhr. Wenn man Herrn Klampp zuhört, erfährt man, dass „made in Germany“ noch authentisch war. Leicht war‘s nicht. Herr Klampp hat sich durchgebissen. Ging aber. Muß! Immerhin das Commitment war da.
Verlusterfahrungen
Umso verblüffter ist er, als sich seine Augen füllen. Bei so viel Beißen und Müssen hat er mit Trauer über das Alter und dessen Verluste nicht gerechnet: Freunde gehen, die Ehefrau. Die Kinder erreichen einen nicht mehr, weil sie zu weit weg wohnen und ihr eigenes Leben haben. Die Wege werden kurz, die Treppen steil. Die dusselige Alte, die wirr daherschwätzt und auf dem Stockwerk herumgeistert, ist drei Jahre jünger als man selbst. Plötzlich braucht man Assistenz beim Aufsklogehen. Herr Klampp schämt sich jedes Mal, wenn er muss und dann kommt noch nicht mal einer.
Tränen in der Nacht
Manchmal, wenn er nachts in seinem Zimmer wachliegt, spricht Herr Klampp mit seiner Frau. Bis ihm einfällt, dass er Witwer ist. Dann laufen ihm Tränen übers Gesicht. Und er ist wütend über seine Agnes, den Tod, den Bosch, die Kinder und Enkel, die nicht kommen wollen und die niederträchtigen Leute im Heim und die Arthrose, die ihn quält und krümmt. Nachts liegt Herr Klampp wach im Auge des Verlustes. Selbst der Schlaf ist gewichen.
Die vorletzte Aufgabe
Die schwerste Aufgabe des Lebens ist die vorletzte: Sich dem Verlust stellen. Im Pflegeheim begegnen wir in der Seniorenbegleitung den Leuten in dieser Verfassung. Die Not, die Trauer, die Wut kriegen wir ab.
Manchmal hilft alles Validieren nichts, da ist es schlicht kaum erträglich. Herr Klampps ewig herabhängende Mundwinkel und die Triefaugen, als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Und das permanente Geschimpfe, als ob wegen des fehlenden Kaffeelöffels die Welt unterginge. Was für Herrn Klampp allerdings tatsächlich der Fall ist. Angesichts all der Verluste und des beschämenden Angewiesenseins fühlt sich das wie eine weitere Kapitulation an.
"Alter ist nix für Feiglinge", zitiert Klampp grimmig beim Frühstück, als ihm der Kaffeelöffel aus den steifen Fingern rutscht und zu Boden fällt. Unerreichbar.
"Und man muss mutig sein", antworte ich, "selbst wenn man's gar nicht sein will."
"Ha!", schnaubt er konsterniert. Ich bücke mich.
"Lassen Sie den blöden Löffel liegen!", sagt er. "Ich trinke meinen Kaffee eh schwarz und ohne Zucker."
Und dann lacht er.



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