Adam, wer bist du?
- metuw7
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Aktualisiert: vor 3 Stunden

Tatmensch
Herr Benz, ein echter Tatmensch, hat, obwohl im Automobilgeschäft tätig, nichts mit gleichnamigen Erfinder desselben zu tun. Zwei Autohausfilialen und eine Koizucht nennt er sein eigen. Das mit den Kois war eigentlich nur eine Liebhaberei. Aber Herr Benz, ein Mann mit einem Riecher für erfolgreiche Geschäftsmodelle, bastelte flugs ein kleines, einträgliches Unternehmen aus seinem Hobby.
„Von nichts kommt nichts“, lautete Herrn Benz Wahlspruch. 5:00 Uhr aufstehen; länger schlafen ging eh nicht wegen der Grundspannung. Auch am Wochenende stand er in Allerhergottsfrüh auf, Kaffee, Frühstückszigarette und auf in den Kampf! 40-Stunden-Woche ist schon Urlaub. Früher spielte er sonntags noch Tennis. Aber nach der Filialerweiterung war bestenfalls noch Pizza frutti di mare mit Tennisfreunden beim Clubitaliener drin. Der Tennispokal auf dem Regal in seinem Büro ist der seiner Tochter Nadine.
Scherben der Hilflosigkeit
Nadine war es auch, die ihn fand. Wie lange er schon nach dem Schlaganfall auf dem Teppichboden gelegen hatte, konnte er nicht mehr sagen, weil er überhaupt nicht mehr sprechen konnte. Tatsächlich kann er kaum mehr etwas, abgesehen von Schlucken, Atmen, Stöhnen und jemanden Anstarren, der ins Pflegezimmer kommt.
„Hat Raubbau mit sich getrieben“, sagen die Tennisfreunde. „Das Rauchen, der Stress und ein Abstinenzler ist er auch nicht grade gewesen. Vielleicht hätte er das mit den Goldfischen bleiben lassen sollen. Die Silke muss jetzt zusehen. Leicht hatte sie es nie gehabt. Aber das hier ist jetzt schon richtig heftig, der Ehemann ein Pflegefall. Und die Silke ist noch jung. Also jung im Sinne von 53.“ Ist nicht bös gemeint. Es sind eher verbale Scherben der Hilflosigkeit.
Event Horizon
Herr Benz driftet von Tag zu Tag. Niemand weiß, was und wieviel er noch mitbekommt. Eines Tages dachte Silke, er würde sie wiedererkennen, so innig hatte er ihre Hand gedrückt. Es tat richtig weh. Tatsächlich bekam er einen schweren Krampfanfall.
„Da hilft nur noch Beten“, sagte die Schwiegermutter und schlug die Hände zusammen.
„Oh Gott!“, dachte Silke. „Soweit sind wir schon?“ Das war ihr emotionaler Tiefstpunkt bislang.
Der Schlaganfall hat aus Herrn Benz Lebensgeschichte eine Schlaganfallgeschichte gemacht. Das ist ein Event Horizon: Die Fotos an der Wand erzählen von einem anderen mit seinem Gesicht, den es nicht mehr gibt. Die Gegenwart ist ein Schwarzes Loch, ein Elend ohne Herauströsterei.
In der Sprache der Sozialwirtschaft nennt man das heutzutage ein Klientenverhältnis. Herr Benz ist ein Klient, so wie beim Rechtsanwalt, Steuerberater oder der Arbeitsagentur. Eine merkwürdige Wortwahl, auch so eine verbale Scherbe. Kann man auch anders über solch ein Schicksal sprechen?
Adam
Der Schriftsteller Henri Nouwen schrieb über seine Zeit der Pflege seines Freundes Adam, dass sie ein anderes Verhältnis hatten als das zwischen Pflegendem und Klienten.
Adam kam behindert auf die Welt. Später erkrankte er an einer schweren Form der Epilepsie: Adam konnte weder sprechen, sich kaum bewegen und war ständig von Anfällen bedroht. Er brauchte Tag und Nacht Begleitung und Hilfe. Henri Nouwen war zu jener Zeit, als er Adam kennenlernte, bereits ein erfolgreicher Schriftsteller und bekannter Gelehrter. Er stammte aus Europa, hatte aber in den Vereinigten Staaten eine akademische Karriere gemacht. Nouwen empfand allerdings zwischen dem, wozu er sich berufen fühlte und dem, was er tatsächlich tat, einen Bruch. So entschloss er sich, einen anderen Weg einzuschlagen. Auf diesem Weg traf er Adam, durch den sich seine Sicht auf das Leben völlig veränderte: „Adams Menschsein war durch seine Behinderung nicht beeinträchtigt. Adams Menschsein war ein vollständiges Menschsein, in dem das volle Maß der Liebe für mich und für andere, die ihn kannten, sichtbar wurde.“*
Wenn man den Wert des Lebens nicht in dessen Erfolgen oder Scheitern erkennt, sondern wie Nouwen in Zuneigung und Freundschaft, verändert sich das Wertegefüge gänzlich. Das ist keine psychosoziale Neuigkeit. Dass der Mensch im Du zum Ich wird, ist eine Binsenweisheit. Aber wie schwer ist es, sich auf diese Binsenweisheit einzulassen? Zumal in einer Gegenwart, in der Entwürdigung seit Krankenstand-Empörung und Teilzeit-Lifestyle alltägliche politische Praxis geworden ist. Heutzutage wird man schneller zum Schmarotzer als man „Geht's noch?“ rufen kann.
Selbst-Entäußerung
Nouwen gab zu, dass er lange für diesen Wechsel der Perspektive brauchte** und sich Fragen gefallen lassen musste, warum er seine Zeit mit einem geistig und körperlich schwerstbehinderten Epileptiker zubrachte, anstatt seine Energie in fähige, gesunde junge Leute zu investieren. Nouwen gab eine ungewöhnliche Antwort, was Adam ihm bedeutete: „Adam war ein wirklicher Lehrer und wirklicher Heiler. … Adams Dienst war insofern einzigartig, als er nicht bewusst wahrzunehmen schien, was um ihn und durch ihn geschah. … Er schien über keine Begriffe zu verfügen, keine Pläne, Absichten oder Anliegen zu haben. Er war einfach da, indem er sich selbst in Frieden und vollkommener Selbst-Entäußerung anbot“.***
Ein Mensch ist ein Mensch, weil Gottes Freundschaft an ihm sichtbar wird. Das repräsentiert Adam. Es steht der gängigen Definition, was Menschsein ausmacht, entgegen. Die gängige bestimmt, dass der Mensch ist, was er schafft und wenn er schon nichts schafft, ordnet man ihn als Klienten ein. Dem kann man ja auch eine Absage erteilen, wenn es sich nicht lohnt.
*Henri Nouwen, Adam und ich, Freiburg 2005, 52.
**Vgl. ders., 54.
*** Ders., 68.



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