Frau Golanz ist das wurscht
- metuw7
- 15. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Jan.

Rekordsenior
Frau Golanz kommt demnächst in die Zeitung. Sie zählt mit 105 zu den ältesten Bürgern der Stadt. Fünf Jahre trennen sie von Deutschlands Rekordsenior. Solcherlei Rekord ist Frau Golanz wurscht. Ab einem bestimmten Alter wird das Alter uninteressant. Da zählen die Tage, die Momente.
Frau Golanz vergessener Fernseher
Frau Golanz ist eine kleine alte Dame, mit feinem Gesichtchen und weißem, pinselweichem Haar. Sie lacht, singt und summt vor sich hin, ist manchmal ungeduldig und schläft ansonsten viel. Sie hat einen Fernseher, aber den benutzt sie nicht mehr. Er steht auf dem Tisch in ihrem Zimmer, ein leeres, schwarzes Quadrat. Es würde mich nicht überraschen, wenn Frau Golanz vergessen hat, dass da ein Fernseher steht. Der Bildschirm, Symbol der Bedeutsamkeit, ist mit 105 passé. Eine Obstschale ist nützlicher. Oder eine Blumenvase. Viel zählt nicht mehr, wenn man alt ist. Nur noch das Wichtige. Die Medien gehören nicht mehr dazu.
Wo ist Eugen?
An diesem Punkt verspricht der Gedanke ans Alter Erleichterung. Die Themen, die einen so umtreiben dieser Tage, Trump, Böllerverbot, Trump, Wintersturm Mogli, Trump - für Hundertplusager null Relevanz.
Was Frau Golanz umtreibt ist, wie es ihrer Ruth geht und ob sie sie heute besuchen kommt und wo denn der Eugen ist, ihr Mann, der vor 30 Jahren verstarb. Morgens schimpft sie nach ihrem Kaffee. Ich pflege ihn ihr mit der Attitüde eines Wiener-Kaffeehaus-Herr-Obers zu servieren. Sie kichert über die Scharade, bedankt sich nett und schlummert ein bisschen ein.
Am Ende, was soll's?
Im Alter zeigt sich, was wirklich wichtig ist: Verbundenheit und Beziehungen. Ruth und Eugen, der lustige Kellner, die freundlichen Leute, die einem helfen, deren Namen einem aber ständig entfallen. Was soll‘s? Sie helfen einem trotzdem.



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