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Besuch im traurigen Land

  • metuw7
  • vor 2 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 14 Stunden


Abstrakte, verschwommene Pastellmalerei in düsterem Grün, Rosa und Blau; keine erkennbaren Figuren oder Text.

Seltener Besuch in einem traurigen Land

Frau Behring wird nur selten besucht. Regungslos, schweigsam im Rollstuhl verharrend, sitzt sie

ihre Tage im Pflegeheim ab. Eine Kargheit ist um sie. Sie lebt in einem traurigen Land. Immer mehr verliert sie die Verbindung zu dem, was um sie ist. Selbst zum Naheliegendsten: Dem Teller Suppe und dem Löffel auf dem Tisch. Sie ergreift ihn nicht.

"Frau Behring, da ist Ihre Suppe", erklärt ihr die Kollegin. "Und hier ist der Löffel."

Sie erinnert sie, wie man Suppe löffelt, führt ihre Hand. Frau Behring beobachtet das Ganze ohne rechte Anteilnahme. Schließlich ergreift sie das Besteck und isst.

"Sie wird aber auch selten besucht. Dabei lebt ihre Tochter ganz in der Nähe", setzt mich die Kollegin in Kenntnis. Es ist unmissverständlich, was sie meint. Frau Behring wäre bestimmt besser beieinander, wenn die Familie Verbindung hielte. Aber da hat man offensichtlich kein Interesse dran.


Suppenlöffelrätsel

Ein paar Tage später kommt Frau Behrings Tochter mit dem Enkelkind vorbei. Der Junge schaut seine Oma an wie einen rätselhaften Gegenstand. Frau Behring ihrerseits betrachtet das Kind wie den Suppenlöffel. Aber nach einer Weile erkennt sie etwas. Vielleicht dass da ein Kind vor ihr steht. Sie lächelt, weil man Kinder eben anlächelt. Der Junge lächelt nicht. Frau Behrings Tochter auch nicht. Sie steht bedrückt neben dem Rollstuhl ihrer Mutter.

Etwas später spreche ich die Tochter an. Ich äußere, die Mutter habe wegen der Demenz ihren Enkel nicht erkannt. Ich sage das, weil ich vermute, dass der Fortschritt der Krankheit die Tochter bedrückt. Aber das ist es nicht. Ihre Mutter habe nie eine tiefe Beziehung zu ihren Enkeln gesucht, antwortet sie. An ihrem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass das auch auf sie zutrifft. Doch da ist noch etwas anderes zu sehen, etwas schwereres als die Enttäuschung.


Chadult

Man erfährt im Pflegeheim selten, dass eine Beziehung zwischen Kindern und Eltern nicht gelungen ist. Es wird selten offen ausgesprochen wie von Frau Behrings Tochter: Niemand mag gerne zugeben, dass die Mutter am Leben verbitterte oder der Vater trank. Dass die Eltern hilflose Pflegefälle geworden sind, ändert nichts an der gebrochenen Beziehungslebensgeschichte. Was ein Leben lang eingeübt wurde, wird im Pflegefall nicht plötzlich anders. "Wer glaubte, sich schon lange von den Eltern gelöst zu haben, ist bei Eintritt von deren Hilfsbedürftigkeit oft sehr überrascht, wie stark alte Abhängigkeiten immer noch wirken."1 Man steht plötzlich - erwachsen und reif - sich selbst wieder gegenüber, dem sechsjährigen, vernachlässigten Ich. Man ist in jedem Alter jemandes Kind, man ist "chadult"2. Diese Tatsache wiegt umso schwerer, je mehr Ablehnung man als Kind erlebt hat.


Beziehungslebensgeschichte

Die Aufgabe des Menschen, der sich auf dem Weg des Sterbens befindet, ist das Sich-selbst-Loslassen 3. Doch was, wenn das Loslassen nicht gelingt? Wenn Lebensgeschichte und Beziehungslebensgeschichte keine Veränderung zulassen? Ist diese letzte Aufgabe dann einfach hinfällig? Nein, sie muss erfüllt werden. Drei Wochen nach dem Besuch im traurigen Land verstarb Frau Behring. Sie schlief ein und war fort. Das Loslassen? Das ist nun Sache ihrer Tochter. Sie wusste es bereits. Und das war es wohl, das andere, schwere, das ihr anzusehen war.


2 Dies., 106.

3 Vgl. Jörg Zink, Die Stille der Zeit, 4. Aufl., Gütersloh 2013, 91.


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