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Frau Berlioz spricht in Farben

  • metuw7
  • 19. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Dez. 2025

bunter Farbverlauf

Drei von 14000

Frau Berlioz  hat das Sprechen eingestellt. So gut wie zumindest. Sie sagt noch einen Satz: „Das geht nicht.“ Der aktive Wortschatz eines Menschen umfasst durchschnittlich 14000 Worte. Bei ihr sind noch drei übrig. „Das geht nicht.“

Vermutlich werden diese drei Worte irgendwann auch verschwinden; bestimmte Formen von Demenz-Erkrankungen führen, insbesondere wenn die Krankheit fortgeschritten ist, zum vollkommenen Verlust der Sprache. 


Actionpainting ohne Action

Aber man erreicht Frau Berlioz anders. Ich habe Farben, Pinsel, Wasser und einen Zeichenblock vor sie hingelegt. Ich male einen kleinen Kreis auf das leere Blatt und tupfe etwas Farbe in den Kreis. Dann zeige ich ihr den Pinsel. Ein paar Tropfen kleckern aufs Papier. Kleckse und Kreis, ein Anfang ist gesetzt. Frau Berlioz nimmt den Pinsel. Ich muss ihn ihr nicht in die Hand drücken oder ihr in Erinnerung rufen, wie man den Pinsel bewegt. Sie malt langsam und sorgfältig, probiert lange Striche und kurze, alles bedächtig wie ein kaligrafierender Mönch. Sie füllt das Blatt mit Farbe. Ein Motiv hat sie nicht. Sie arbeitet ohne. Ihre Methode ist, Strichführung und Farbe zu folgen. Actionpainting ohne Action. Sie ist ganz vertieft darin. Es entspannt sie. 


Frau Berlioz spricht in Farben

Irgendwann flüstert sie: „Das geht nicht.“ Das ist kein Werkkommentar. Das sind die drei Restsilben, die sie noch ausspricht. Leicht hat sie es nicht gehabt im Leben. Glücklose Familiengeschichte, irgendsowas. Aber durch die Demenz scheint sie - bis auf diese drei Schattenworte - die Erinnerung daran hinter sich gelassen zu haben. 

Das ist eines der Geheimnisse dieser Erkrankung. Besitzt sie auch eine Gnadenseite? Frau Berlioz jedenfalls beschäftigt nicht mehr die Frage, ob etwas geht oder nicht. Sie streicht den Pinsel übers Papier. Zwischen uns entfaltet sich ein farbiges Gespräch. Irgendwann legt sie den Pinsel nieder, nickt sachte, Zeichen dafür, dass sich die Konversation dem Ende neigt. Ich bedanke mich für die Zeit, die sie sich genommen hat und frage, ob ich das Gesprächsprotokoll behalten darf. „Das geht nicht“, antwortet sie freundlich, und ich glaube, sie lächelt sogar. 

 
 
 

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