Wie wir gehen

Der USamerikanische Lyriker und Essayist Christian Wiman berichtete, dass ein namhafter Kollege in einem Interview nicht ohne Stolz geäußert hatte, sein Vater sei gestorben, ohne den Trost der Religion in Anspruch genommen zu haben. So wie er lebte, ging er aus dem Leben. Er starb ungetröstet.
In meiner Arbeit erlebe ich, wie Menschen gehen. Die Art wie wir gehen, ist, bei all den körperlichen Merkmalen, die in der gleichen Weise ablaufen, noch individueller als die Geburt. Ab einem gewissen Zeitpunkt lässt der Sterbende alle zurück. Er ist auf dem Weg in ein Woandershin. Oder er geht fort in eine endgültige Ziellosigkeit. Zu Recht fragt Wiman, ob sich letzteres tatsächlich bewundern lässt. Richtig aber ist auch, dies als Frage zu formulieren. Denn niemand ist bisher zurückgekommen, um mit Bestimmtheit zu bezeugen, was nun zutrifft, Trost oder Stolz. Das Äusserste, über das man Auskunft geben kann, ist die Erfahrung, den Weg, soweit man ihm folgen konnte, mitgegangen zu sein.
Am Sterbebett einer alten Dame sangen wir ihren Lieblingschoral. Es hat uns mit der Sterbenden in Verbindung gebracht, getröstet und es war unser Gebet, dass das Lied, das wir für sie sangen, auch ihr Trost ist. Sich trösten zu lassen, ist im Grunde keine spirituelle Haltung, die man beurteilen könnte, so wie es jener namhafte Dichter tat. Sondern Trost ist Ausdruck einer grundsätzlichen Gesprächsbereitschaft, einer Hoffnung, dass Gott von der anderen Seite her zu einem herüberspricht.
In der Validation nach Naomi Feil gibt es einen ungewöhnlichen Ausdruck, der den Moment der Gesprächsbereitschaft zwischen einem dementen Menschen und einem Begleitenden markiert. Feil nennt dies Kalibrieren. Das ist der Moment der Übereinstimmung. Ungewöhnlich ist der Ausdruck, weil dies eigentlich ein technisches Wort ist und deshalb auf das Menschliche irgendwie nicht übertragbar zu sein scheint. Feil wählte ihn wohl deshalb, weil er die Rechtzeitigkeit, den Kairos ausdrückt: Der Moment der Übereinstimmung, den man nicht machen, sondern ihn nur erwarten kann, um an ihm teilzuhaben.
Gewiss kann man ohne diese Gesprächsbereitschaft die letzten Schritte gehen. Ein Bewohner, der für alle überraschend verstarb, quälte sich vor seinem Tod mit seiner Einsamkeit. Die Gegenwart war gänzlich gewichen. Es gab keine Mitbewohner, keine Pflegenden, keine Mahlzeit, kein Geschmack, kein Tag, keine Nacht, nichts davon war mehr da. Er war umgeben von einem umfassenden Gefühl der Verlassenheit, das ihn veranlasste unablässig Mutter, Vater und Geschwister herbeizuflehen, die doch alle schon tot waren. Ein Kruzifix stand auf dem Fensterbrett und ein Rosenkranz, den ich ihm, obwohl Protestant, gerne in die Hand gedrückt hätte (meine Tätigkeit hat mir gezeigt, dass am Ende des Weges nichts gleichgültiger sein kann als das Dogma). Er aber hielt seine Arme fest umklammert, als ob er fröre und konnte sie nicht öffnen. Überraschend war sein Tod, weil er noch mit so viel vitaler Kraft wehgeklagt hatte. Da war keine Schwäche, kein Dahindämmern. Der Tod brachte ihn mitten in der Verzweiflung zum Schweigen. Das war schrecklich brüsk.
Wie gehen wir? Sobald sich einem diese Frage stellt - und in einem Pflegeheim geschieht das unablässig - stellt sich zugleich die Frage, wie man lebt. „Insofern“, meint Christian Wiman, „ist es die größte Tragödie unseres Menschseins, nicht im Hier und Jetzt und nicht rechtzeitig gelebt zu haben.“
Quelle: Christian Wiman, Mein heller Abgrund, Aßlar 2013, 17f.



Kommentare